"Versucht es, es lohnt sich!"

FLIEDEN (gd). Über 50, alleinerziehend, seit mehreren Jahren ohne Arbeitsstelle und bei Arbeitgebern keine Chance – null Perspektive. Wilfried Bruns hatte schon resigniert. Doch dann zeigen ihm Menschen im Kreisjobcenter Fulda und im Rathaus Flieden Perspektiven auf – und der 57-Jährige ergreift seine Chance.

Eigentlich war der gelernte Maurer Zeit seines Lebens gewohnt zu ackern: „Ich war viele Jahre auf Montage im Ausland, habe sehr gutes Geld verdient“, blickt der gebürtige Duisburger zurück. Er gründete eine Familie, die Beziehung ging in die Brüche – seine inzwischen 14-jährige Tochter blieb bei ihm. „Sie ist das wichtigste für mich, sie kommt immer zuerst.“ Die Tochter täglich zum Kindergarten, später in die Schule bringen, Essen kochen, ihr bei den Hausaufgaben helfen und die kleinen und großen Herausforderungen des Alltags bewältigen – all das war für ihn nicht mit einer Vollzeitarbeit als Maurer vereinbar. Der Job blieb auf der Strecke – bis zum 17. Mai 2016, seinem ersten Arbeitstag nach rund acht Jahren.
Der Alleinerziehende, der seit 18 Jahren im Landkreis Fulda lebt, hatte zuvor Ute Böhm im Kreisjobcenter getroffen. Im Rahmen des ESF-Bundesprogramms zur Eingliederung langzeitarbeitsloser Leistungsbezieher, das mittlerweile ausgelaufen ist und über das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert wurde, war sie eine sogenannte Betriebsakquisiteurin. Ihre Aufgabe war es also, Arbeitgeber zu finden. „Ich wusste von der freigewordenen Hausmeisterstelle im Rathaus Flieden – und als ich Herrn Bruns kennenlernte, dachte ich, das könnte passen“, erzählt Böhm. Doch zu diesem Zeitpunkt war der Arbeitsuchende noch skeptisch: „Ich bin ehrlich: Ich habe gedacht, für 100 oder 150 Euro mehr im Monat, ob sich das lohnt?“


Fliedens Bürgermeister Christian Henkel hatte als Arbeitgeber gegenüber dem potenziell neuen Hausmeister des Rathauses weniger Vorbehalte: „Wir hatten eine offene Stelle und durch das ESF-Programm war die Hemmschwelle für uns relativ niedrig, diese mit einem Programmteilnehmer zu besetzen – die Lohnkosten wurden bezuschusst, die Stelle befristet“, erklärt der Rathauschef und fügt an: „Aber hinzu kam: Herr Bruns spielte im Vorstellungsgespräch direkt mit offenen Karten und hat von seiner Verantwortung als Vater erzählt. Er wirkte vertrauenswürdig und motiviert.“ Und sollte es dennoch zu Schwierigkeiten kommen, wusste Henkel: Wilfried Bruns hat noch weitere Unterstützer an seiner Seite.
Denn ein wichtiger Grundpfeiler des ESF-Programms war auch ein enges, individuelles Coaching. „Oft sind es objektiv betrachtet kleine Probleme, die Menschen überfordern und dann davon abhalten, regelmäßig ihrer Arbeit nachzugehen – unsere Aufgabe ist es, diese Probleme gar nicht erst so groß werden zu lassen“, gibt Coach Larissa Mihm einen Einblick. Im Falle des 57-Jährigen lief es jedoch mustergültig: Zwei Wochen Praktikum, in denen Bruns seinen Worten im Vorstellungsgespräch Taten folgen ließ – danach hatte die Gemeinde Flieden einen neuen Hausmeister, zunächst in Teilzeit, mittlerweile mit 30 Wochenstunden. „Und die Chancen stehen gut, sofern es der Stellenplan der Gemeinde hergibt, dass Herr Bruns hier bis zur Rente weiterbeschäftigt wird“, formuliert Bürgermeister  Henkel zuversichtlich.
Für Wilfried Bruns ist diese Arbeitsstelle ein echter Gewinn und das längst nicht nur finanziell: „Der Job macht mir Spaß, ich habe einen verständnisvollen Chef, und ich führe ein ganz neues Leben – man weiß, was man am Ende des Tages geschafft hat, das gibt ein ganz anderes Selbstwertgefühl.“ Deshalb möchte er auch anderen Menschen, die in einer ähnlichen Situation lange Zeit keine Perspektive erkennen, Mut machen: „Versucht es, es lohnt sich!“, ist der 57-Jährige überzeugt und ergänzt: „Nicht zuletzt für meine Tochter kann ich jetzt auch wieder ein Vorbild sein.“

 

Info

Über das ESF-Bundesprogramm wurden durch das Kreisjobcenter Fulda insgesamt 73 Langzeitarbeitslose vermittelt. Darunter befanden sich 32 Personen mit einer vorherigen Arbeitslosigkeit von mindestens fünf, teilweise sogar bis zu zehn Jahren.

 

Foto und Text: G. Diener

 

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