Arbeitsvermittlerinnen des Kreisjobcenters begleiten iranisches Ehepaar vom Sprachkurs bis zum festen Arbeitsvertrag

„Wir wollen hier leben, und wir müssen die Sprache lernen!“ An diesen auswendig gelernten Satz kann sich Brigitte Stolle noch ganz genau erinnern. Vier Jahre ist es her, dass ihr Faranak Ghoorchian und Mani Tabatabae Shirazi im Kreisjobcenter gegenüber saßen – mit einer bewegenden Flüchtlingsgeschichte, ohne Deutschkenntnisse und einem spürbaren Willen, sich in die Gesellschaft zu integrieren.

Die Geschichte ihrer Flucht ist so bedrückend, dass das Ehepaar nicht gerne darüber spricht. Der Flughafen Frankfurt, das Erstaufnahmelager in Gießen und eine Gemeinschaftsunterkunft in Fulda seien Stationen der Flucht gewesen. Mani erwähnt „böse Menschen“ als Grund, die dazu geführt hätten, Heimatland und Familie zu verlassen und eine gesicherte Existenz aufzugeben. Acht Jahre lang hatte der 33-Jährige im Optiker-Geschäft seines Bruders gearbeitet und parallel dazu ein eigenes Unternehmen aufgebaut, das Brillenetuis und Brillenputztücher produzierte. Faranak war Grafik-Studentin und Visagistin. In Fulda mussten beide in jeder Hinsicht bei Null anfangen. „Der Anfang“, sagt die 29-Jährige, „war ein Alptraum, „vor allem, weil man ohne Sprache ganz schnell die eigene Persönlichkeit verliert.“

Ein Sprachkurs war der erste Schritt auf dem Weg in ein neues Leben. „Wir hatten die Möglichkeit, beide in Integrationskursen unterzubringen. Parallel dazu haben wir bereits Berufsvorstellungen abgefragt. Der Wunsch, als Optiker beziehungsweise Friseurin arbeiten zu wollen, war schon früh da“, erzählt Brigitte Stolle. Trotz rudimentärer Sprachkenntnisse hätten sich beide in Eigeninitiative sehr schnell um eine Praktikumsstelle bemüht, um persönliche Vorstellungen zu konkretisieren und die eigenen Kenntnisse auf den Prüfstand zu stellen.

„So wussten wir, dass eine Basis vorhanden ist, auf der sich aufbauen lässt“, betont Heike Burchhardt, die das Ehepaar im nächsten Schritt zu einem dreimonatigen Vorbereitungskurs der Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW) vermittelte. In diesem Kurs wurden Grundlagen in Fächern wie Deutsch, Mathematik oder Englisch gelegt. Außerdem fand eine Berufsorientierung statt. Mani nahm zudem ein halbes Jahr lang als Gasthörer am Unterricht der Augenoptikerschule in Kassel teil. „Letztendlich zeigte sich, dass beide genug Potenzial, Motivation und Willen mitbringen, um eine anspruchsvolle Umschulung, die im zweiten Lehrjahr beginnt, absolvieren zu können“, unterstreicht die Arbeitsvermittlerin.

So wurden aus den Praktikumsbetrieben „Die Brille“ und dem „Friseursalon Reiter“ Ausbildungsbetriebe. Anfang dieses Jahres wechselte Faranak zur „Cutting Crew“. Vor wenigen Wochen konnten Faranak und Mani die Umschulung auch dank der dauerhaften Unterstützung durch die FAW erfolgreich beenden und feste Arbeitsverträge in den Betrieben unterzeichnen. „Ich wäre blöd gewesen, hätte ich ihn gehen lassen“, sagt Antje Ferrara, Ausbilderin von Mani. „Er hat sich stetig weiterentwickelt, ist fachlich und menschlich eine große Bereicherung, und die Kunden haben ihn angenommen.“ Ganz ähnlich klingt es bei Jutta Ressel, die Faranak ausgebildet hat. „Sie war eine Vorzeigeauszubildende, die ein sensationelles Ergebnis erreicht hat. Für uns ein Juwel, das man halten sollte, deshalb freuen wir uns, dass sie weiter bei uns arbeitet.“

Dass ein formeller  Berufsabschluss die Grundlage für eine dauerhafte Integration in Arbeit ist, weiß Markus Vogt vom Kommunalen Kreisjobcenter. „Als Ungelernter ist das Risiko wieder arbeitslos zu werden oder zu bleiben, deutlich höher als mit einer abgeschlossenen Ausbildung beziehungsweise Umschulung. Daher verfolgt das Kreisjobcenter das Ziel, motivierten Menschen mit Anspruch auf Leistungen nach dem SGB II einen Berufsabschluss auch in einem etwas höheren Alter zu ermöglichen.“ Brigitte Stolle und Heike Burchhardt haben Erfolgsstorys wie diese selten erlebt. Während Mani von „Schicksal“ spricht, halten die Arbeitsvermittlerinnen den Willen der jungen Leute für die entscheidende Zutat zum Erfolgsrezept. „Wenn man merkt, dass jemand wirklich ein Ziel hat, dann versucht man, alles möglich zu machen“, erklären Stolle und Burchhardt.

Dass sich das Ehepaar inzwischen beruflich in Fulda angekommen fühlt und auch einen Freundeskreis aufbauen konnte, dürfte nicht nur an der sympathischen Art der Iraner und an den stetig besser werdenden Deutschkenntnissen liegen. Die Haltung der beiden könnte man wohl auch als  Integrationsbeschleuniger interpretieren. Wenn Mani sagt: „Wir sind nicht wegen des Geldes hier. Wir wollen arbeiten“, dann klingt das jedenfalls genauso aufrichtig und überzeugend wie sein „Ich bedanke mich bei Deutschland!“ 

(Foto: D. Heydenreich)

 

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